Gehe ich etwa ein Jahr zurück, so würde mein damaliges Ich in der ersten Reihe stehen und „ich, ich, ich, hier ich!!“ rufen, wenn es darum ginge zu betonen, wer besonders beziehungsunfähig ist.

Wie kam es dazu?

Etwa ein Dreivierteljahr zuvor hatte ich einem Menschen brutal das Herz gebrochen, da ich vor der Wahl gestanden hatte, entweder die Beziehung oder mich selbst zu retten. Ich hatte mich für mich entschieden, und mir das nicht verziehen. Problematisch an der ganzen Sache war eben dieses „Sich-nicht-verzeihen“. Aus dieser und noch weiter zurückliegenden Geschichten sowie dem daraus resultierenden Schmerz Anderer, hatte mich latent der Verdacht beschlichen, dass ich vielleicht einfach nicht so gut für Menschen bin. Dass es eventuell besser sei, Abstand von solchen Dingen wie Nähe und Bindungen im Beziehungsstil zu nehmen, einfach um niemanden zu verletzen und, zugegeben, um mich selbst nicht noch mehr zu quälen.

Was passierte, als mich jemand „beziehen“ wollte…

Nun lernte ich im März 2011 ein Mädchen kennen, das, aus irgendeinem für mich nicht ganz nachvollziehbaren Grund, Interesse an mir hegte. Ja, wir verstanden uns gut, ja, da lief mehr, aber nein, ich war nicht mit ihr zusammen – und wollte es auch nicht sein. Bevor das mit ihr und mir überhaupt übers Reden hinausging, sagte ich zu ihr, dass ich momentan wirklich keine Beziehung eingehen wolle. Dass ich mir das nicht vorstellen könne. Dass ich das nicht will, um sie nicht zu verletzen. Trotz allem war sie irgendwie angetan von dieser Idee, so glaube ich. Es muss sich wohl um eine passive Vermeiderin gehandelt haben.

Sie und ich haben sehr viel darüber gesprochen. Sie sagte, Frau müsste dem Ganzen ja keinen Namen geben, es sei doch gut so, wie es ist. Ganze sieben Monate lang führte ich also eine Nicht-Beziehung. Sieben Monate, in denen ich sie kontinuierlich von mir wegstiess, wenn sie mir zu nahe kam, in denen ich mich einfach mal nicht meldete, wenn ich den Gedanken, ihr wehzutun, nicht ertrug. Sieben Monate, in denen ich aber immer wieder versucht war zu sagen: „Ja, okay, wir versuchen das offiziell“. Unterm Strich, wenn ich ehrlich bin, aber auch einfach nur sieben Monate, in denen ich wusste, dass ich sie nicht liebte.

Ich mochte sie, sie war grossartig, sie hat mir gut getan und hätte mir noch viel besser tun können, hätte ich sie an mich heran gelassen. Aber ich habe mich, anstatt ehrlich und offen mit ihr zu sein, hinter meinem „ich bin beziehungsunfähig“ versteckt. Aus purer Angst, ihr mit einem „Du bist nicht die Richtige für mein Herz“ wehzutun – und vielleicht auch aus der Bequemlichkeit heraus, das nicht näher erklären zu müssen.

Ende Oktober 2011 teilte ich ihr schliesslich mit, dass ich das, was wir hatten, nicht mehr weiterführen könne, nicht mehr weiterführen wolle. Dass ich ihre Nähe nicht ertrüge, weil ich permanent das Gefühl habe, dass sie sich Hoffnungen macht, dass ich sie mit allem verletze, was nicht der Satz „Ich will mit Dir zusammen sein“ sei. Wie die letzten sieben Monate auch sagte sie, das sei okay. Sie sei ein grosses Mädchen, sie käme damit klar. Als ich sie am nächsten Tag zum Bahnhof brachte, gab es Tränen und Vorwürfe ihrerseits und die Einsicht, dass ich alles noch schlimmer gemacht hatte, meinerseits.

So. Und was ist jetzt mit beziehungsunfähig?

Geht man nach den Kategorisierungen von Fabiennes Blogpost, so bin ich wohl eine passive Vermeiderin. Oder eine Aktive? ich weiss es nicht. Aber ich vermeide jedenfalls. Ich bin hochgradig idealistisch und selbst meine beste Freundin sagt, dass ich mit meinen Ansprüchen vermutlich nie einen Menschen finde, der mir gerecht werden kann. Ich pflege darauf zu antworten, dass ich einfach nicht vorschnell und wahllos Beziehungen eingehen will. Ich bin eben komplex. Ich müsste mich und mein Wesen wahnsinnig eingehend erklären, mich unsäglich öffnen, damit mir jemand wirklich nahe kommen kann. Und das ist anstrengend und müssig. Ausserdem lege ich unglaublich viel Wert auf die perfekt passende Chemie. Das heisst: Wenn mich auch nur eine chemische Kleinigkeit stört, dann will ich nicht mehr. Meine vermeintliche Beziehungsunfähigkeit ist also eigentlich einfach nur meine Unwille, mal NEIN zu Halbwahrheiten und stattdessen JA zu einer Frau mit ihren Ecken und Kanten zu sagen, meine Unlust, mich jeder zu erklären, die mich nach meinem Innersten und meinen Gefühlen fragt, und noch so viele schräge Eigenarten mehr, die ich nicht überwinden kann – oder will.

Ich weiss, Frau sollte nicht von sich auf Andere schliessen. Ich tue es aber an dieser Stelle bewusst und trotzdem, weil es mir gerade wahnsinnig schlüssig erscheint. Korrigiert mich, sollte ich falsch liegen: In meinen Augen existiert „Beziehungsunfähigkeit“ gar nicht. Die ist in Wirklichkeit nur ein Sammelbegriff, ein Euphemismus, eine Ausrede. Was es hingegen durchaus gibt, ist echte Bindungsangst. Aber das hat mit schlechten Erfahrungen, eigenartigen Eltern oder so was zu tun, und ist deshalb nichts, mit dem Frau einfach so als Begriff um sich werfen sollte.

Was ich damit sagen will…?

Wer sich als „beziehungsunfähig“ betitelt, hat eigentlich einfach verlernt, zu fühlen und / oder mitzuteilen, was sie wirklich spürt. Aus Faulheit, vermeintlicher Rücksicht, Selbstschutz oder Ähnlichem. Wir vertrauen unserem eigenen Urteilsvermögen oder unserem Bauch nicht mehr. Wir verstecken uns lieber hinter einem recht sinnlosen Begriff, als zu kommunizieren, Gefühle zu erleben, uns fallen zu lassen, zu leben, wieder aufzustehen und neue Wege zu gehen. Hören wir doch damit auf, ständig nach Entschuldigungen zu suchen, und handeln, machen stattdessen einfach mal. Momentan funktioniert das bei mir gerade sehr gut.